Rosso d’Italia
Die Visitenkarte eines Weinguts
Autor: Johannes Vasak
In den vergangenen Jahren habe ich mich immer öfter mit der italienischen Weinlandschaft auseinandergesetzt. Warum? Ich liebe einfach die hohe Qualität, die durch ihre Einfachheit und die genialen Grundprodukte definiert wird. Das gilt für kulinarische Themen genauso wie für die Weine. Man kennt es ja selbst: Ist man in Italien und bestellt einfach den Vino della Casa, so wird man, natürlich auch aufgrund des Flairs, selten enttäuscht. Und schon in der nächsten Stufe treffen wir auf den Rosso.
Was ist ein Rosso?
Aus der Branchenperspektive zeigt sich genau hier eine zentrale Wahrheit des italienischen Weinbaus: Die Qualität eines Weinguts erkennt man nicht zuerst an seinen Prestigeweinen, sondern an jenen Weinen, die täglich getrunken werden – und da kommt der Rosso ins Spiel.
Obwohl „Rosso“ an sich kein geschützter Begriff ist, stellt er für mich die Visitenkarte eines Weinguts dar: Er soll die Herkunft zeigen und eine gewisse Persönlichkeit widerspiegeln. Gerade an diesem „Einstiegswein“ erkennt man sofort, welchen Stil ein Weingut hat, ob sorgfältig gearbeitet wird und wie sich das Verständnis von Terroir mit der persönlichen Philosophie vereinen lässt. Nicht umsonst ist der Rosso jener Wein, der nicht teuer ist und in italienischen Lokalen am häufigsten getrunken wird. Und genau deshalb ist er für mich die Ehrlichkeit in Person. Während ein Brunello, eine große Riserva oder ein Lagenwein oft von langer Reife und besonderem Ausbau profitieren, definiert sich der Rosso durch seinen im Vergleich dazu einfacheren Ausbau und die dadurch entstehende Trinkfreudigkeit. Man spürt das Pure der Region und die Handschrift der Winzer:innen. Eleganz, Frucht, Balance und Trinkfluss sind dabei für mich die vier zentralen Werte eines Rossos.
Rosso ist nicht gleich Rosso
Natürlich gibt es überall den „Einstiegswein“ eines Weinguts, aber gerade in Italien wird darauf geachtet, dass ein Rosso mit entsprechender Herkunftsbezeichnung kein billiger Massenwein ist. Diese Philosophie zieht sich vom alpinen Norden bis in den vulkanisch geprägten Süden.
Ein Rosso aus dem Piemont erzählt eine andere Geschichte als einer aus der Toskana. Prägend sind jeweils die Rebsorten, aber natürlich spiegeln sich auch unterschiedliche Böden, das Klima und Traditionen Schluck für Schluck am Gaumen wider. Eingangs habe ich erwähnt, dass „Rosso“ per se keinen gesetzlichen Richtlinien in Italien unterliegt. Es gibt jedoch Regionen, die auch ihren Rosso mit einer DOC (Denominazione di origine controllata) schützen, um ihr Herkunftsgebiet und ihren Namen zu sichern. Somit ist dieser Wein in die jeweilige Qualitätspyramide und das entsprechende gesetzliche Reglement eingebunden.
Rosso di Montalcino 2023
Tenuta Il Poggione
Rosso di Montalcino zum Beispiel muss zu 100 Prozent aus Sangiovese bestehen und darf natürlich nur aus Lagen rund um Montalcino stammen. Diese Weine besitzen oft eine gewisse Lagerfähigkeit und machen auch nach ein paar Jahren viel Spaß. Ihr Reifepotenzial liegt vor allem an den Eigenschaften der Rebsorte, insbesondere am guten Säuregehalt.
Rosso di Montepulciano Fiori Rossi 2024
Poliziano
Für den Rosso di Montepulciano hingegen müssen mindestens 70 Prozent Sangiovese verwendet werden. Den Rest bilden ausschließlich in der Toskana zugelassene Rebsorten, auch bis zu fünf Prozent weiße Trauben dürfen verwendet werden. Oft wird dieser Rosso als „preiswerter Bruder“ des Vino Nobile di Montepulciano betitelt.
Rosso di Valtellina 2023
Arpepe
Eine weitere geschützte DOC ist Rosso di Valtellina im Norden Italiens, in der Weinbauregion Lombardei. Hier müssen 90 Prozent Nebbiolo im Wein enthalten sein. Ab dem 1. Dezember nach der Ernte muss der Wein mindestens sechs Monate reifen, wobei es egal ist, ob beim Ausbau Holz verwendet wird oder nicht. Das Spannende am Gebiet Valtellina ist das Terroir: Steillagen und sehr kühle Bedingungen sorgen für Eleganz und Feinheit im Geschmacksprofil.
Munaloss Vino Rosso 2024
Cantine Garrone
Und dann möchte ich noch einen Rosso speziell hervorheben: den Munaloss, einen Vino Rosso Italia ohne engere Herkunftsangabe. Er besteht aus 80 Prozent Nebbiolo und 20 Prozent Croatina. Im nördlichsten Zipfel von Piemont, schon fast an der Grenze zur Schweiz, entsteht in einem Tal dieser Rosso, der aufgrund seines Tannins und des erfrischenden Säurebogens seine Herkunft wunderbar abbildet; genau das möchte das Weingut auch zeigen. Für mich eine Preis-Leistungs-Entdeckung der vergangenen Jahre.
Zuletzt haben wir einige neue Weingüter aus Italien in unser Sortiment aufgenommen und jedes Mal war ich bereits vom jeweiligen Rosso begeistert. Deshalb halte ich es für wichtig, auch einmal den Fokus zu verschieben: von den großen Weinen Italiens auf die Visitenkarten der Weingüter, die mit ihrem großartigen Preis-Leistungs-Verhältnis überzeugen. Für mich sind Rossos der Schlüssel zum Verständnis eines Weinguts und seinen Interpretationen des Terroirs. Sie zeigen Ehrlichkeit, Herkunft und Können. Wer einen hervorragenden Rosso vinifiziert, kann meiner Meinung nach auch große Weine machen. Genau deshalb ist ein Rosso für mich der wichtigste Wein, um zu zeigen, wohin die Reise eines Weinguts geht.