Wachau
Punkteregen für die Smaragde
Autorin: Daniela Dejnega
Die Spitzenweine der Wachau sind mitunter Stoff angeregter Diskussionen. Während die eine Seite sie mit jedem neuen Jahrgang bejubelt, findet sie die andere Seite der Weinkritik schon seit geraumer Zeit zu dick und schwerfällig. Der etwas kühlere Jahrgang 2025 schafft es, beide Lager auf seine Seite zu ziehen, was sich in hervorragenden Bewertungen niederschlägt.
Grüner Veltliner oder Riesling? Entscheidend ist die persönliche Vorliebe, wenngleich es mengenmäßig einen klaren Gewinner gibt: Dem Grünen Veltliner gehören in der Wachau nämlich 64 Prozent von 1.285 Hektar; der Riesling hingegen kommt nur auf 18 Prozent, ist aber im Fine-Wine-Segment mindestens genauso präsent und gefragt. Seine Reben fühlen sich noch auf den kargsten und steilsten Wachauer Terrassen wohl, wobei der Riesling auch die zunehmenden Klima-Extreme besser aushält als der Grüne Veltliner, der mit den immer länger und intensiver werdenden Hitze- und Trockenperioden schwer zu kämpfen hat. Im Extremsommer 2026 rettete ihn in der Wachau nur die Bewässerung. Der bekannte Weinkritiker Stuart Pigott sprach unlängst gar von „den letzten Tagen des Grünen Veltliners als Österreichs Signature-Rebsorte“. Das war bewusst provokant formuliert, ist aber auch nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn auf lange Sicht könnte die Veltliner-Fläche zugunsten jener Rebsorten schrumpfen, die Hitze und Trockenheit besser vertragen. Dem versuchen die Wachauer Winzer derzeit mit der richtigen Klon- und Unterlagswahl, angepasstem Boden- und Laubwandmanagement sowie Ertragsregulierung entgegenzuwirken.
Aktuell auf dem Markt glänzen die Smaragde des ausgezeichneten Jahrgangs 2025 – und dieser hat nicht nur beim Riesling, sondern auch beim Grünen Veltliner spannungsgeladene Weine hervorgebracht. Zählte in der Wachau über Jahrzehnte vor allem, wer seine Trauben am spätesten liest und die höchste Konzentration in den Weinen erreicht, so ist heute die Balance am Gaumen in den Fokus gerückt. Denn gerade beim Grünen Veltliner, der von Haus aus weniger Säure mitbringt als der Riesling, kann ein Zuviel an Kraft und Dichte dem Trinkfluss schaden. Doch in dieser Hinsicht bereitet der „klassische“ Jahrgang 2025 keine Sorgen. Er besitzt eine insgesamt kühlere Charakteristik, was sich in den Weinen durch brillante Frucht, animierende Frische und Pikanz ausdrückt.
Die Eleganz des Ostens
In Unterloiben, im wärmeren Osten der Wachau, ist Leo Alzinger zuhause, der es immer wieder schafft, unverkennbar elegante Weine zu keltern. Im Jahrgang 2025 glänzt sein Grüner Veltliner Ried Steinertal Smaragd ganz besonders – mit saftiger Zitrusfrucht, hellem Charakter und feiner mineralischer Spannung. Die Loibner Ried Steinertal ist die erste terrassierte Steillage der Wachau, die man erblickt, wenn man sich von Osten nähert. Sie zeichnet sich durch ihren kargen Boden auf Gföhler Gneis aus. Der große Charme des 2025ers war dem Online-Magazin Vinous 96–98 Punkte und Falstaff 97–99 Punkte wert. Schon in den Achtzigerjahren wurde Leo Alzinger senior zum Pionier einer puristischen, herkunftsbetonten Stilistik. Leo junior blieb seinem finessenreichen Weinstil, der nicht nach Aufmerksamkeit schreit, sondern mit Fokus und Terroirausdruck erfreut, immer treu.
Weitere Beweise, dass 2025 auch für den Grünen Veltliner ein Topjahrgang ist, liefert das renommierte Weingut Knoll, dessen fabelhafte Weine Abertausende von Fans besitzen. Knolls Grüner Veltliner Vinothekfüllung ist eine strenge Selektion von Trauben aus den Einzellagen. Bei höchster Reife geerntet, strahlt der kraftvolle und hochkomplexe Smaragd vom Jahrgang 2025 viel Würze, gelbfruchtige Saftigkeit und ruhigen Tiefgang aus; dazu punktet er mit Länge und Reifepotenzial.
Etwas weiter westlich befindet sich die terrassierte und süd-südöstlich ausgerichtete Ried Kellerberg, deren Name auf das Dürnsteiner Kellerschlössel zurückgeht. Martin Mittelbach vom Tegernseerhof hat 2025 für einen sehr spannenden Riesling Smaragd vom Kellerberg gesorgt. Er präsentiert sich schon in der Nase eigenständig, mit viel reifer Frucht und dunkler Kräuterwürze, zeigt am Gaumen markanten Säurezug und feinkörnige Tannine. Martin Mittelbach bekräftigt: „Die Smaragde haben wir 2025 erst ab Mitte Oktober gelesen. Der Kellerberg hat eine reife Frucht und saftigen Schmelz, ist aber keine Spur üppig.“
Die Ried Achleiten am Ortsrand von Weißenkirchen ist eine der bekanntesten Lagen der Wachau und für die eigenständige rauchige Mineralität, die sie sowohl dem Riesling als auch dem Grünen Veltliner verleiht, berühmt. Als große Ikone gilt der Riesling Ried Achleiten Smaragd von Prager. Er ist von Stein- und Kernobstnoten geprägt, wirkt engmaschig und straff, steinig und rauchig, dicht und kraftvoll, komplex und elegant – das ist die Prager-Handschrift. Der Jahrgang 2025 erhielt 98 Punkte von Vinous und 97 Punkte von Falstaff. Über zu niedrige Punktebewertungen kann sich auch Rudi Pichler nicht beschweren. Sein fest strukturierter Grüner Veltliner Ried Achleithen 2025 wurde von Vinous mit 99 und von Falstaff mit 98 Punkten ausgezeichnet. Auf den steilen, südwestlich ausgerichteten Sandboden-Terrassen wurzeln die 50-jährigen Reben tief in den Gneis- und Amphibolitschichten, was sich durch Dichte, Würze und salzig- mineralischem Nachhall bemerkbar macht. Die Qualität der Ried Achleiten zeigt auch der strahlende Grüne Veltliner 2024 der Domäne Wachau. „Da unseren Weinen mehr Zeit einfach guttut, bringen wir sie ab jetzt später auf den Markt. Gerade ist 2024 relevant“, erklärt Weingutsleiter Roman Horvath. Auch die Orientierung hin zum Bioweinbau macht die Genossenschaft zu einem Vorreiter in der Wachau; zudem bringt das Team in Zusammenarbeit mit den 200 Weinhauer:innen absolute Spitzenqualität in die Flasche. Der Grüne Veltliner Ried Achleiten Smaragd 2024 ist von mineralischer Würze, Eleganz und Tiefgang geprägt. Vinous vergab 97 und Falstaff 96 Punkte.
Beeindruckende Steilheit kennzeichnet auch die benachbarte Ried Klaus, in der sich von der Donau bis zum Waldrand Steilterrasse auf Steilterrasse stapelt. Verschiedene Gesteine auf engstem Raum – Gföhler Gneis, Amphibolit und Paragneis – kennzeichnen diese pittoreske, trockene und für Riesling prädestinierte Lage. Das Weingut Jamek kelterte 2025 einen fabelhaften Riesling Ried Klaus, den Falstaff mit 97 und Vinous mit 95–97 Punkten bewertete. Vielschichtige, intensive Frucht von weißem Pfirsich und Marille, aber auch ein ungeheuer saftiger Säurezug zeichnen diesen gelungenen Smaragd aus.
Vom rechten Ufer bis nach Spitz
Das rechte Donauufer gilt immer noch als Underdog, doch gibt es auch dort immer mehr Weingüter, die in der Topliga spielen. Josef Fischer ist einer jener Winzer, die mit Talent, Feingefühl und biologischer Bewirtschaftung immer bessere Weine erzeugen. Er führt das Familienweingut in Rossatz seit 2015, vergärt seine Weine spontan und gibt seinen Smaragden gern mehr Zeit zur Entwicklung. Von seinem Riesling Ried Kirnberg kann WEIN & CO nun den Jahrgang 2021 anbieten. „Fischers 2021er zeigen, dass das Schattenreich auf der rechten Seite der Donau in der Tat Weltklasse- Weine produziert“, schrieb Stephan Reinhardt 2022 für Robert Parker und attestierte dem Riesling Ried Kirnberg Smaragd 2021 Salzigkeit, Saftigkeit, Dichte, Würze und eine spannungsreiche Struktur.
Kein Newcomer, sondern Kult ist das in Spitz gelegene Weingut Hirtzberger, das seit Jahrzehnten für allerhöchste Qualität von den Steillagen der westlichen Wachau steht. Franz Hirtzberger prägte durch sein rigoroses Qualitätsdenken den Weinbau in Spitz wie kein anderer. Mit dem kraftvollen, opulenten Honivogl schuf er in den Neunzigern ein Role Model für Grünen Veltliner aus der Wachau. Die Trauben für den Honivogl wachsen bis heute am Fuß der Ried Singerriedel und unterliegen einer rigorosen Selektion. Jahr für Jahr ist der komplexe, langlebige Smaragd Stammgast auf internationalen Weißwein-Ranglisten. Den eleganten Jahrgang 2025 zeichnete Falstaff mit 98–100 Punkten, Vinous mit 96 Punkten aus.
Am kühlsten ist das Klima im Spitzer Graben, einem Seitental der Donau, das sich von Spitz in nordwestlicher Richtung erstreckt. Die schmalen Terrassen der Ried Bruck reichen bis 480 Meter Seehöhe hinauf und liefern besonders ausdrucksstarke Rieslinge. Die Reben wurzeln hier im Spitzer Granodioritgneis, der quasi das Gegenstück zum Gföhler Gneis im Osten der Wachau bildet. Das Klima ist von kühlen Winden aus dem Norden geprägt und im Herbst vom schattenspendenden, 966 Meter hohen Jauerling. Gekonnt brachten Josef & Georg Högl ihren Smaragd 2025 von der Ried Bruck in die Flasche – ein Riesling mit hellem Charakter, feingliedriger Struktur und fabelhafter Frische. Georg Högl resümiert: „2025 war ‚ein Jahr wie früher‘. In den kühlen Lagen kam die Reife spät und wir konnten die Trauben mit moderatem Zucker und toller Säure ernten. Mir gefällt der Jahrgang sehr!“ Und damit ist er nicht allein.